22.10.2015

„Hat ein Hochofen ein Gesicht?“ Hilla Becher, die große Industrie-Architektur-Fotografin, ist tot

Hilla Becher war die Grande Dame einer analytisch-ästhetischen Fotografie. Namhafte Künstler, wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth gingen aus der gemeinsam mit ihrem Mann geformten, weltweit bekannten Düsseldorfer Fotoschule hervor.

„Wer ein Verständnis von Nordrhein-Westfalen und ein Verständnis von Moderne und Industrialisierung haben will, der muss die Bilder kennen“ hat der Ex-Minister-Präsident des Landes NRW, Jürgen Rüttgers gesagt. Und andere fügen hinzu: „Es liegt überhaupt nur an dem Fotografenpaar Hilla und Bernd Becher, dass wir gelernt haben, in der Zweckarchitektur eine Schönheit zu entdecken.“

Ihrem Mann stand Hilla Becher in nichts nach. Vergleichend und konzeptuell war ihr Blick auf Förderturm und Gasometer. Das Resultat: Anonyme Skulpturen im Fokus einer emanzipierten Fotografie.

Und: eine Galerie der Erinnerung für die Ewigkeit. Zusammen mit Bernd Becher schrieb die versierte Fotografin eine Kunstgeschichte des Reviers, geguckt durch Großformatbildkameras, ein einzigartiges Kapitel Lichtbildnerei, minutiös recherchiert und dem spröden Charme industrieller Baukörper verfallen.
Viele Zweckbauten sind heute Denkmale, weil Hilla und Bernd sie ins Bild holten: für eine außergewöhnliche Fotografie in Schwarz-weiß, - puristisch, glasklar, allgemeingültig, kühl, ohne Firlefanz, ohne Farbe, jedoch nicht ohne Epik und Melancholie. Was wäre das Kunstgebiet an Rhein und Ruhr ohne diese minimalistischen Becher-Impressionen?

In einem Atemzug wird deren dokumentarische Objektivität mit Aufnahmen des fotogewaltigen Walker Evans oder August Sander verglichen. In Tausenden eindrücklicher ´Portraits` schildert Hilla Becher ein Silo sachlich abbildend, Hüttenbetriebe nüchtern aufnehmend oder Fördertürme messerscharf fokussierend.
Eine Bilder-Enzyklopädie besonderer Schönheit kommt heraus - herb, individuell, typisch und typologisierend.
Als Kind sammelte Hilla Becher Schmetterlinge, ihr Forscherdrang war groß. Die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg Nord mit 122 Becher-Fotografien, auf Lastwagenplanen aufgezogen und als rundumlaufender Bilderfries präsentiert, blättert imposant spezifizierend die Geschichte auf von 10 Gasbehältern, 51 Wassertürmen, 10 Fabrikhallen, 27 Fördertürmen und 24 Hochöfen. Fein ziselierte  Zeichnungen eines Charles Darwin nennt Hilla Becher als „wunderschöne Vorbilder“.

Noch vor kurzem hatte Hilla Becher, geborene Wobeser, und Mutter eines Sohnes (* 1964) an der Beerdigung ihrer Galeristin Dorothee Fischer teilgenommen, „im Rollstuhl, aber frohen Mutes. Der Rücken schmerzte nicht mehr so sehr. Der rote Bulli stand fahrbereit vor ihrem Wohnhaus im Düsseldorfer Vorort Kaiserswerth. Mit diesem VW Kombi, Autokennzeichen BB 4000, anno 1994, zog sie einst mit ihrem Mann Bernd Becher durch die Welt, die Leiter im Kofferraum, die Großbildkameras daneben. Bis zuletzt war sie neugierig, aufgeschlossen für die Arbeit der Kollegen“ schreibt die Kunstkritikerin Helga Meister in der Westdeutschen Zeitung.

Und vor einem Jahr noch nahm Hilla Becher den Großen Rheinischen Kulturpreis 2014 entgegen. Fürs Revier war sie anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2010 im Rahmen des „Mapping the region“-Projektes im Bottroper Josef Albers-Museum engagiert. Kompositionen zeigte sie da, die nicht nur skulpturalen Einzelbau-Architekturen gewidmet waren, sondern auch Überblicken, Industrie-Landschaften.

Gerne hätte ich die 1934 geborene Fotografin zu dieser Entwicklungsgeschichte vom nüchtern isolierten Einzelobjekt eines Wasser- oder Kühlturms hin zur Totale räumlich eingebetteter Industrie-Landschaften befragt. Jene Frau, die, anders als ihr Mann, gelernte Fotografin war und schon als 13jährige das Lichtbildnern in ihrer Heimatstadt Potsdam experimentierte.

Drei Jahre lernte die aus großbürgerlichem Haushalt stammende Hilla Becher in Potsdam im renommierten Fotoatelier des Hoffotografen Ernst Eichgrün (1858-1925), das 1890 gegründet, als Institution vor Ort galt. Anfang der 1950er Jahre durfte Hilla Becher schließlich auftragsmäßig für das Eichgrün-Studio fotografieren. Historische Schlossanlagen und das Potsdamer Stadtbild sollten abbildlich kartografiert werden, aber auch Details von Dampfloks, um die im 2. Weltkrieg beschädigten Züge reparieren zu können. Was sich wegbereitend auswirkte: auf die Becher-originäre Art fotografischer Obduktion.

„Und dann kam ich zum ersten Mal ins Ruhrgebiet und war völlig perplex. So was hatte ich noch nicht gesehen, das war neu und fremd, das war ein Abenteuer für mich“, wird Hilla Becher im SZ-Magazin zitiert.
Das „Abenteuer“ nimmt die Weltoffene ernst, jobbt zunächst in der Düsseldorfer Werbeagentur von Hubert Troost („Persil 59 - das beste Persil, das es je gab“), lernt dort Bernd Becher kennen, bewirbt sich 1958 mit einer reinen Foto-Mappe an der Düsseldorfer Kunstakademie. Und wird angenommen, ein Novum und Riesenerfolg für die 24-jährige.

Die couragierte Frau leistet nicht nur damit Pionierarbeit. Eine allererste Fotowerkstatt an der Düsseldorfer Akademie entsteht. Die Folge: Das in den 1960er Jahren noch lange nicht als Kunst etablierte Medium der Lichtbildnerei rückt in den Fokus. Hilla Becher schreibt Foto-Geschichte, etabliert, zusammen mit Bernd Becher, der 1976 eine Professur für Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie übernimmt, das damals wenig beachtete Medium auf dem internationalen Kunstparkett. „Ihr Verdienst ist kein geringerer als die Erfindung einer neuen Wahrnehmungsästhetik“ wird sie von ihrem Verlag geehrt.
Mehrere Documenta-Teilnahmen, den Kaiserring der Stadt Goslar und den Staatspreis des Landes NRW brachte dieser innovative Foto-Blick ein. Warum sich Hilla Becher ausgerechnet auf Kraftzentralen und andere industrielle Produktionsanlagen gestürzt hat?

„Weil sie ehrlich sind. Sie sind funktional und zeigen, was sie machen, das hat uns gefallen. Ein Mensch ist immer, was er sein möchte, nie, was er ist. Sogar ein Tier spielt meistens eine Rolle vor der Kamera.“
Hilla Becher, die den „schönen matten Glanz von Stahl“ liebt, entscheidet sich für Sachlichkeit fernab lebender Kreatur. Im Revier und anderswo heftet sie sich wie eine Biologin auf die Spuren einer aussterbenden Spezies, will Teleskopgasbehälter einfangen. „Die sind besonders in England riesig und wirklich schön. Die würde ich gern noch machen. Die sterben aus.“
Dafür geht Hilla Becher auf Expedition, bannt die Seismographen einer Zeit, die schon verging, als sie noch imposante Industrie-Kultur war. „Man muss sich beeilen, alles verschwindet“ hat Marianne Kapfer ihren Film über die sozialengagierte Erinnerungsarbeit der Bechers genannt. Maßgeblich war Hilla Becher daran beteiligt, dass 1969 die Maschinenhalle und die Fördermaschine der Dortmunder Jugendstil-Muster-Zeche Zollern 2 in Bövinghausen unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Von Nostalgie allerdings hielt die Frau mit den klugen Augen nicht viel. Gefragt, ob ihre menschenleeren Fotos melancholisch seien, sagte sie 2008: „Tut mir leid, dass kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.“ Irgendwann aber hat sie sich gefragt: „Hat ein Hochofen ein Gesicht?“

Es ist derselbe surreale Effekt, den man erlebt, wenn der mittig ins Bild gesetzte Kühlturm, der zentralperspektivisch fokussierte Gasometer als wesenhaftes Gegenüber auftritt. Und dabei irgendwie philosophisch, irgendwie stoisch, irgendwie anrührend erscheint. „Entrealisierung des Gezeigten“ nennt es Werner Spies.

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